Gestaltung von Gottesdiensten: Sorge um die Ränder

 

Die Kirche solle sich stärker auf ihre Kernaufgaben konzentrieren – diese Forderung begegnet mir immer wieder, wenn es um notwendige Sparmaßnahmen geht. In diesem Zusammenhang bewegt mich seit einiger Zeit ein Zitat von Adolf Muschg:

„Wie hält es die ,Mitte’ mit ihren Rändern? Es ist weise und klug, so zu fragen. Denn die Ränder bestimmen insgesamt die Form einer Gesellschaft, ihre Lebensform; von den Rändern her entwickelt sie sich oder stirbt ab; dort sitzt der Tastsinn für das Neue, das auf sie zukommt; dort entscheidet sich die Gesundheit ihres Stoffwechsels, die Gutartigkeit ihres Wachstums; dort an den Rändern lernt das System – oder es verschließt sich gegen sein Überleben.“

Das lässt sich wohl auch auf die Kirche beziehen. Die Konzentration auf die sogenannte Kerngemeinde lässt am Ende die ganze Kirche verkümmern. Die Sorge um die „Ränder“ wird vielleicht entscheidend sein für die Zukunft der Kirche. Schon deswegen bin ich gespannt auf die Akzente und Impulse, die vom Kirchentag in Bremen ausgehen werden.

Spannend ist die Frage, was die Aussage von Muschg für den Gottesdienst bedeutet. Zweifellos ist der sonntägliche Gottesdienst das unverzichtbare Zentrum christlicher Gemeinde. Doch kommen bei der Gestaltung des Gottesdienstes auch die „Ränder“ in den Blick? Bietet der Gottesdienst Raum für die sogenannten Randsiedler der Gemeinde? Ich vermute: Nur wenn der Gottesdienst mehr ist als die Selbstvergewisserung des innersten Zirkels der Gemeinde, wird er lebendig bleiben. Nur wenn er in der faktischen Gestaltung, in Wort und Tat, offen ist für die Menschen am Rande, kann der Gottesdienst wirklich das Herzstück der Gemeinde sein.

Gottes Geist ist es ja eigentlich, der unseren gottesdienstlichen Feiern den Puls des Lebens gibt. Der Heilige Geist führt Menschen aus der Mitte und von den Rändern zusammen, lässt uns Einigkeit und Gemeinschaft erfahren. Unsere Aufgabe als Liturg und Liturgin bleibt es, den Geist nicht zu dämpfen, sondern ihm Raum zu geben durch eine lebendige Gottesdienstgestaltung.

Matthias Wöhrmann

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